12. Dezember 2011

RACING STUDENTS im Gespräch: Veränderungen

Für die ausgesprochen erfolgreich auf CENTURION ihre Rennen bestreitenden RACING STUDENTS war 2011 ein turbulentes Jahr – und 2012 wird nicht minder interessant. Der Pressesprecher der RACING STUDENTS Christian Emrich hat sich mit den scheidenden Students Alexander Gut, Steffen Greger und Andreas Mayr unterhalten.

Emrich: Alex (Gut), Steffen (Greger) und Andy (Mayr), ihr wart alle drei seit vielen Jahren Leistungssportler, kennt die Rennszene und auch die heutigen „Tour de France-Profis“ aus früheren Auswahlmannschaften im Jugendbereich und der U23-Bundesliga. Was denkt ihr, wenn ihr mittlerweile morgens ins Büro fahrt und abends nicht immer pünktlich nach Hause kommt – bereut ihr es manchmal, nicht alles auf die Karte „Radsport“ gesetzt zu haben?


Greger: Von Bereuen fehlt bei mir jede Spur. Sicher denke ich oft daran, wie es wohl gewesen wäre, was man alles erlebt hätte und vor allem, wie weit man sein Leistungsvermögen noch hätte steigern können. Ich habe mich jedoch früh für ein Leben ohne den Profisport entschieden und wie gesagt, bis heute nicht bereut, dass ich dem Schulabschluss und vor allem dem Studium mehr Gewicht beigemessen habe als einer Profikarriere auf dem Rennrad.

Gut: Bereuen tue ich definitiv nichts. Ich habe es drei Jahre als Profi probiert, habe viel gesehen und gelernt. Ohne diese Zeit stünde ich mit Sicherheit nicht da, wo ich heute stehe. Aber ich habe in diesen drei Jahren gemerkt, dass die Karte Profi-Radsport für mich persönlich langfristig nicht den gewünschten Erfolg gebracht hätte und so habe ich mich für Studium und Beruf entschieden, was mit Sicherheit die richtige Wahl war.

Mayr: Nein, definitiv nicht. Natürlich weiß man mit zunehmendem Alter und Reife noch immer die Vorzüge des Radsports zu lieben. Jedoch wird einem auch gleichzeitig bewusst, dass man nicht mehr jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr monoton den gleichen Ablauf erleben möchte. Da ist ein fundiertes Studium nicht zu ersetzen und ich freue mich auf meinen neuen Lebensabschnitt. Ich will gar nicht daran denken, wie es wäre, die nächsten zehn Jahre das fortzusetzen und auszubauen, was ich in den letzten zehn aufgebaut habe.

Emrich: Eure Wege haben euch vor drei Jahren zusammengeführt. Ihr wart alle schon gute Rennfahrer in guten Teams und hattet teilweise auch sehr lukrative Angebote. Habt euch dann aber für die RACING STUDENTS entschieden und wart so erfolgreich wie nie. Was unterscheidet die Mannschaft von anderen?

Greger: Ich habe mich 2009 gemeinsam mit meinem „Homie“ Andy Mayr entschieden, zu den RACING STUDENTS zu wechseln, weil uns das Konzept sehr gut gefallen hat und vor allem die Jungs in der Mannschaft schon als Konkurrenten äußerst sympatisch waren. Der entscheidende Unterschied zu anderen Mannschaften ist, dass es auf sportlicher Ebene ganz flache Hierarchiestrukturen gibt, die sehr flexibel gelebt werden. Den klassischen „Kapitän“ gibt es nicht. Dafür aber lauter Fahrer, von denen jeder, wie in den letzten Jahren oft bewiesen, ein Radrennen für sich entscheiden kann. Wenn einer gute Beine hat, macht er 'ne Ansage, alle hauen sich für ihn voll ins Zeug. Morgen ist ein anderer dran und dem wird wieder alles bestmöglich vorbereitet. Das ist die Stärke unserer Mannschaft, die kaum ein anderes Team besitzt.

Gut: Prinzipiell betreiben die RACING STUDENTS den Radsport ja nicht wegen des Geldes. Wenn wir mit Preisgeldern unseren Studienetat etwas aufbessern können, ist das völlig in Ordnung. Des weiteren sind die Gehälter, die heutzutage in sogenannten Continental-Profi-Mannschaften bezahlt werden, höchstens mit einer Aufwandsentschädigung zu betiteln und können mit einem Ingenieur- oder Betriebswirtgehalt nicht annähernd konkurrieren.

Mayr: Mit Steffen fahre ich ja bereits seit 2005 in einer Mannschaft und wir sind damals als Double zu den RACING STUDENTS gewechselt. Dort haben wir dann alle zusammen weiter daran gearbeitet, als Team noch erfolgreicher zu sein. Mit Erfolg. Begonnen bei der vollständigen Aufopferung für den Nächsten. Nur wenn man sein Potential tatsächlich produktiv für seinen Teamkollegen einsetzen kann, hat man dadurch auch eine Verbesserung erwirkt. Ein Beispiel: Wenn zehn Fahrer eines Teams es nicht schaffen, die Energie auf einen zu bündeln, haben sie zwar alle das gleiche Trikot an, aber für den Siegfahrer ändert sich kaum etwas. Wenn, wie in unserem Fall, alle für einen Einzelnen alles hergeben, ohne selbst danach im Ergebnis zu stehen und sich dabei genau so zu freuen, als wäre es der eigene Sieg, dann ist das Teamwork nach Auffassung der RACING STUDENTS. Wenn sich gleich mehrere für ihn einsetzen, muss der Siegfahrer auch nur noch vollenden. Ich kann sagen, dass Siegen noch nie so einfach war wie bei den RACING STUDENTS.

Emrich: Im letzten Jahr beendeten Johannes Kurz und Nico Graf ihre aktiven Laufbahnen, neue, teilweise junge Fahrer wie die Brüder Samuel und Jonathan Obländer sowie Sascha Lägeler kamen. Die Integration in die Mannschaft verlief völlig reibungslos und aus guten Rennfahrern wurden binnen einer Saison Siegfahrer. Das sieht von außen sehr einfach aus, wie genau überträgt ihr eure Siegermentalität, denn nur am Training kann das nicht liegen?

Greger: Im Prinzip suchen die Teamchefs sich ihre Fahrer ja aus und entscheiden da nach unterschiedlichen Kriterien. Eines davon ist, ob der Fahrer als Charakter ins Team passt und das Konzept RACING STUDENTS lebt, sowie ob Potential vorhanden ist. Und das bringt jeder Neuzugang mit. Bei dem einen muss man es etwas mehr herauskitzeln, anderen muss man nur mal die Chance einräumen, die Unterstützung des Teams zusichern und sie machen den Sack zu. Auf jeden Fall gehört viel Vertrauen dazu, Spaß am Radfahren, ein gewisser Killerinstinkt und eine gute Harmonie im Team. So klappts auch bei jungen Talenten schnell mit den Siegen. Wie man sieht...

Gut: Man muss da etwas unterscheiden. Wenn beispielsweise ein Christopher Schmieg oder ein Jonathan Obländer ins Team kommen, wird ganz klar von ihnen erwartet, Rennen zu gewinnen. Sie haben bereits in der Vergangenheit Siege eingefahren und wir erfahrenen Fahrer können vielleicht hier und da noch ein paar Tipps geben. Betrachtet man junge Fahrer wie Samuel Obländer oder Sascha Lägeler kommen diese ohne jeglichen Druck ins Team und können sich in der zweiten Reihe entwickeln. Sie werden behutsam aufgebaut und bekommen ihre Chancen, die sie, wie im Fall der zwei angesprochenen Fälle, auch perfekt genutzt haben. Wichtig ist, dass man diesen Jungs nicht zu viel Druck macht. Sascha Lägeler war beispielsweise im Frühjahr sehr lange krank und konnte keine Rennen fahren. Vom Team hat er keinerlei Druck bekommen, konnte sich erholen und langsam wieder aufbauen. Zurückbezahlt hat Sascha uns dieses Vertrauen mit einer fantastischen zweiten Saisonhälfte, die so keiner erwartet hätte. Der ganze Erfolg hängt quasi 1:1 mit dem Spaß und der Zufriedenheit der Fahrer zusammen. Passen diese zwei Dinge, kommen die Siege von selbst.

Mayr: Es sind anfangs viele Gespräche notwendig, um Fahrern ein solches Teamwork, wie es bei uns herrscht, zu vermitteln. Man muss als Basis seine eigenen Ansprüche nicht nur minimieren, sondern komplett löschen. Das Ergebnis für jeden einzelnen kommt dann erst im übernächsten Schritt. Nur wer sich opfern kann, für den wird sich auch geopfert. Und so konnte letztes Jahr jeder von uns mindestens ein Rennen gewinnen. Dieser Schlüssel zum Erfolg kann nicht ausschließlich durch Sprache übermittelt werden, man fühlt es einfach irgendwann.

Emrich: Ihr habt in den letzten Jahren alle neben Leistungssport und Studium noch etwas „nebenher“ gemacht. Steffen (Greger), du hast eine Familie gegründet und bist stolzer Vater einer Tochter, Andreas (Mayr) du hast noch hier und da als Model gejobbt, als Fitnesstrainer begonnen und warst Zeit Deines Studiums Werkstudent, und Alex (Gut), du hast nebenbei noch mit Christoph Kindle das Team RACING STUDENTS aufgebaut und geleitet. Für die meisten Studenten ist studieren allein schon Stress pur, ohne Leistungssport und zeitaufwändigen Nebentätigkeiten. Wie macht ihr das?

Greger: Das werde ich oft gefragt und antworte eigentlich immer gleich: Zeitmanagement, Mut zur Lücke und vor allem einen starken sozialen Rückhalt, der das ganze erst möglich macht. Bei mir kommen in den letzten zweieinhalb Jahren noch ein toleranter Arbeitgeber mit flexiblen Arbeitszeiten hinzu und mit etwas Disziplin und vielleicht auch ein bisschen Talent, bekommt man schon einiges auf die Reihe. Aber natürlich gehört auch Verzicht dazu. Viele Freunde, die nicht mit dem Radsport verheiratet sind, beklagen oft mein seltenes Erscheinen, aber auch daran kann man arbeiten. Manchmal ist weniger mehr.

Gut: Natürlich wäre ein Leben als normaler Student etwas entspannter, aber das war nie mein Ding. Alle im Team sind Macher und geben sich nicht mit dem Standard zufrieden. Ich würde sagen, das ist einfach eine Typfrage.

Mayr: Es ist – wie alles – eine Gewöhnungssache. Mich rein auf eine Sache zu konzentrieren, war noch nie mein Ding. Ich tanze gerne auf mehreren Hochzeiten – und das dann aber trotzdem mit Vollgas. Und wenn man dann den Spagat aus x verschiedenen Tätigkeiten beherrscht, folgt die nächste Stufe. Das Radrennfahren wird jetzt in erster Linie zwar der Hauptorientierung zugunsten des Jobs aufgegeben, aber es folgt sicherlich nach einer Zeit wieder etwas Neues.

Emrich: Als Fahrer der RACING STUDENTS seid ihr maßgeblich an einer neuen Begeisterung für sauberen Radsport beteiligt gewesen. Mit der Anti-Doping-Vorsorge durch eine gesicherte Existenz nach der Karriere aufgrund einer soliden Berufsausbildung habt ihr im Radsport eine neue Philosophie mitgeprägt. Euer problemloser Übergang ins Berufsleben bestätigt den Erfolg des Konzepts „RACING STUDENTS“. Wie seht ihr die zukünftige Entwicklung der Mannschaft?

Greger: Wir müssen am Ball bleiben, das Konzept weiter fördern und noch mehr Begeisterung schaffen. Nur wenn wir Unterstützer haben, können wir uns weiterentwickeln – auch in andere Sparten hinein. Der Radsport ist eine faszinierende Sportart, welche Anerkennung und Würde verdient. Trotzdem wäre es reizvoll, das Konzept auch auf andere Bereiche auszuweiten. Allem voran steht natürlich der sportliche Erfolg und dass die Mannschaft weiterhin so harmonisch funktioniert wie bisher. Ich glaube für 2012 stehen die Sterne ganz gut und die Teamführung, die natürlich einen wesentlichen Teil zur weiteren strategischen Entwicklung beitragen wird, ist motiviert. Wenn das so bleibt und das Budget halbwegs passt, wird vom Konzept der RACING STUDENTS noch einiges zu hören sein.

Gut: Wir würden das Konzept gerne auf weitere Sportarten ausweiten und nicht nur im Radsport bleiben. Das ist natürlich alles eine Frage der Manpower und des Budgets. Wenn wir die Möglichkeiten haben, werden wir expandieren. Wer uns kennt, weiß, dass wir uns nicht auf den gewonnenen Lorbeeren ausruhen werden.

Mayr: Ich denke, dass man sich in der Sprintvorbereitung etwas umorientieren muss. Wir haben die letzten Jahre oft das Heft recht früh im Rennen in die Hand nehmen müssen, um das gewünschte Sprintfinale zu erhalten. Nun ist das Team viel breiter aufgestellt. Es sind alles komplette Rennfahrer, darauf wurde natürlich beim Bewerbungsverfahren geachtet. Ich denke, dass 2012 das Überraschungsmoment der Vorteil sein wird, den es gilt zu nutzen. Wir sind dadurch viel unberechenbarer geworden. Ich sehe derzeit keine Sprintertypen in den Nachwuchsklassen oder der U23 – das war früher viel extremer –, daher wird das Team eine neue Handschrift erhalten, welche 2012 bereits geformt wird. Dort wird die Reise hingehen und auch zukünftige Rennfahrertypen in Reihen der RACING STUDENTS werden weniger Spezialisten, sondern mehr Generalisten sein.

Emrich: Was werdet ihr in Zukunft beruflich wie auch in eurer Freizeit machen? Bleibt ihr dem Radsport und der Familie der RACING STUDENTS erhalten?

Greger: Ich bin ja seit über zwei Jahren bereits als Ingenieur unterwegs und überzeuge meine Vorgesetzten regelmäßig von den Vorzügen eines Leistungssportlers als Arbeitnehmer und werde das in Zukunft noch verstärken. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich einfach ein bisschen Gas geben will, um mich auch im Beruf weiter zu entwickeln. Familiär steht bei mir in den nächsten Tagen die Geburt meines zweiten Kindes an (ein Sohn) und auch da will ich mich etwas mehr einbringen. Nichtsdestotrotz will ich der Familie der RACING STUDENTS treu bleiben und mich weiter für das Konzept engagieren. In welcher Form ich mich einbringen werde, stimme ich mit den Teamchefs noch ab. Aber eins ist sicher: einmal RACING STUDENT, immer RACING STUDENT – auch wenn das Studium als solches leider schon ganz schön weit weg ist. Das ist der Lauf der Dinge, die wir verändern.

Gut: Mit dem Abschluss meines Studiums als Wirtschaftsingenieur bin ich direkt in den Beruf eingestiegen. Seit 1.9.2011 bin ich bei der Firma Hiller Objektmöbel GmbH für das Qualitäts- und Umweltmanagement tätig. Die Firma Hiller ist eine Tochter der Schneeweiss AG, welche ein RACING STUDENTS Partner der ersten Stunde ist.

Mayr: Ich schreibe derzeit bei der Firma STIHL in Waiblingen meine Masterthesis im Innovationsmanagement über strategische Geschäftsfelder. Ich gehe davon aus, nach Abgabe der Abschlussarbeit Ende Februar im Großraum Stuttgart meine Berufstätigkeit aufzunehmen. Als Mitgründer der Radrennabteilung in meinem Verein, dem RV „Wanderer“ Schorndorf bleibe ich dem Radsport natürlich treu. Wir haben die sicherlich härteste Trainingsgruppe deutschlandweit (wer es nicht glaubt darf gerne mal teilnehmen – letztes Jahr sind wir in einem Training über 300 km gefahren). Diese wöchentliche Trainingsausfahrt wird mein Wochenhighlight und ich hoffe, die Lizenzfahrer noch eine Zeit lang im Sprint im Griff zu halten. Darüber hinaus habe ich die sportliche Leitung der RACING STUDENTS übernommen und werde ab der 2012er Saison die Jungs auf die Rennen einstellen. Ich bleibe also auch den RACING STUDENTS erhalten.